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Antiautoritäre Erziehung

antiautoritaer

Verschiedene Erziehungskonzepte, die in Deutschland in den 1960er und 1970er Jahren entwickelt wurden, werden unter dem Sammelbegriff der antiautoritären Erziehung zusammengefasst. Die antiautoritäre Erziehung versteht sich nicht nur als Erziehungsstil, sondern auch als eine umfassende und begründete Erziehungsphilosophie mit ausgeprägten pädagogischen Zielen, Leitbildern und Normen. Die antiautoritäre Erziehung setzt Akzente bei der Freiheit und der Entwicklungsautonomie eines jeden Kindes. Dabei soll sich die Persönlichkeit des Kindes durch eine Befreiung von der Übermacht des Pädagogen entfalten.

Politische Ursprünge der antiautoritären Erziehung

In den 1920er Jahren wurden von linken politischen Bewegungen erstmals Ansätze einer sozialistischen, bis kommunistischen Pädagogik vorgestellt. Ziel dieser Konzepte war nicht nur die Beseitigung von Mängeln im Bildungswesen, sondern grundlegende gesellschaftliche Veränderungen. Mit der Studentenbewegung in den 1960er und 1970er Jahren wurden diese Ideen wieder aufgegriffen und fortentwickelt.

Psychologische und pädagogische Ursprünge der antiautoritären Erziehung

Die psychologische Grundlage für die antiautoritäre Erziehung wird unter anderem in den Schriften des Psychoanalytikers Wilhelm Reich gesehen, der in den 1930er Jahren die patriarchalische und sexualunterdrückte Erziehung eine Ursache für Massenneurosen verstand. Die antiautoritäre Erziehung wurde auch von Alexander Sutherland Neill und seiner Schrift „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ geprägt. Neill selbst lehnte es aber ab, mit der antiautoritären Erziehung in Verbindung gebracht zu werden.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur Reformpädagogik

Die antiautoritäre Erziehung orientierte sich von Anfang an eng an der Reformpädagogik und spitzte deren Forderungen auf radikale Weise zu. Einige Vertreter der antiautoritären Erziehung standen auch in ausdrücklicher Opposition zur Reformpädagogik. Beiden Ansätzen gemein war der Gedanke, dass der Mensch grundsätzlich von „guter Natur“ sei und dass ein Kind entsprechend dieser Natur wachsen solle, ohne negative Einflüsse durch den Pädagogen. Dieser Ansatz wurde auch von der Antipädagogik aufgegriffen.

Antiautoritäre Erziehung in der Praxis

In Deutschland wurde die antiautoritäre Erziehung vor allem in den sogenannten „Kinderläden“ in die Praxis umgesetzt. Diese wurde ab 1967 in vielen deutschen Großstädten eingerichtet. Die antiautoritäre Erziehung wurde auch in Alternativschulen, wie etwa die Freie Schule Frankfurt oder die Glocksee-Schule in Hannover, in der Praxis getestet. Bis heute besteht der Bundesverband der Freien Alternativschulen als Dachverband.

Kritik an der antiautoritären Erziehung

Kritiker bemängeln die fehlende empirisch-wissenschaftliche Grundlage für die antiautoritäre Erziehung. Der deutsche Erziehungswissenschaftler Klaus Schaller verstand in der antiautoritären Erziehung eine Umkehr der Herrschaftsverhältnisse zwischen dem Erzieher und dem Kinde. Die US-Psychologin Alice Miller verstand die antiautoritäre Erziehung als einen Erziehungsstil, der Verhaltensweisen in das Kind projiziert, die sie selbst sich gewünscht hätten. Sowohl von Befürwortern, wie auch von Kritikern wird der Begriff der antiautoritären Erziehung bisweilen sehr unterschiedlich ausgelegt.


Foto: Cocoparisienne / pixabay.com (Pixabay License)
Artikel geschrieben von Andreas Mettler
veröffentlicht am Dienstag, 19. Februar 2019

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